Ist ja schon eine Weile her, gell, wir schrieben noch das Jahr 2015, also ich schreibe immer noch überall 2015 hin, aber das ist ja nicht das Thema, das Thema ist: Benjamin Clementine trat im Kaufleuten auf. Ich hatte mich sehr lange darauf gefreut, irgendwie sah ich mich immer sitzen an diesem Konzert, weil ich mich bei “Condolence” immer setzen muss. Das Lied ist so wuchtig, es drückt mich zu Boden, wo immer ich mich befinde, oder ins Sofa. Jedenfalls. Kaufleuten, Saal dunkel, ich noch an der Bar hinten rechts, und warte auf vier Gläser Weisswein, wir sind zu zweit. Was man sonst so trinkt an diesem Konzert im Dezember, hab ich nicht recht mitbekommen, ich glaube, Bier hauptsächlich, aber Bier zu Benjamin Clementine? Natürlich gibts keine Stühle, ich Idiot. Benjamin kommt auf die Bühne, das heisst, ich realisiere, dass er jetzt dort ist, denn man applaudiert, ich seh nix, ich stehe ja auch zuhinterst. Er sitzt natürlich, am Klavier. Und singt. Mich schaudert, ich halte mich fest an meinen beiden Gläsern. Es ist nicht “Condolence”, er beginnt mit einem anderen Stück, ich kann mich ja nie an Namen von Songs erinnern, ist ja aber auch egal, auch das Lied ist mächtig und drückend, seine Stimme ist Kraft, und nach zwei Minuten muss ich mich setzen. Links gibts ja auch noch eine Bar, die ist gerade am Schliessen, dort stehen die Sofas und Sessel und Tischchen, ich eile hin und lass mich fallen. Meine reizende Begleitung ist verschwunden. Derweil Benjamin Clementine auf der Bühne, ich sehe ihn nicht, aber das tat ich ja vorher auch nicht, und ich schaue ein bisschen den Barfrauen zu.
Benjamin Clementine ist 27, Brite, und wurde in Paris entdeckt. In der Metro. Dorthin war er gelangt, weil er einen Buschauffeur dazu brachte, ihn gratis an den Flughafen Gatwick zu fahren (das Geld, 60 Pfund, reichte nur für den Flug), und sich dann von unter Brücken bis auf Partys hochsang. Und in die Metro. Seine Geschichte interessiere die Medien mehr als seine Songs, klagte er dem Guardian letztes Jahr. Das bedrücke ihn. Darum hier nichts weiter über die Person Benjamin Clementine, ausser, dass er im März ein Buch mit seinen Lieblingswörtern herausgeben will. Das habe ich in der NZZ gelesen (die der ZEIT abgeschrieben hat, ämel den Anfang des Artikels, und die wohl irgendeiner anderen Zeitung, aber zu diesem Märchen gibt es wohl einfach keinen anderen Einstieg). Amazon will aber (noch) keine Books anzeigen mit/über/von Benjamin Clementine.
Item. Ich da auf dem Sessel. Die Gläser hinter der Bar abgedeckt. Der Wein schmeckt nach Honig, und Benjamin murmelt in die Dunkelheit hinaus, in den hinteren Reihen wird geschnurrt, Herrgott, es gibt doch genug Bars in dieser verfluchten Stadt! Benjamin singt, Benjamin murmelt, Benjamin spielt. Die Atmosphäre lässt sich nur mit distanziert beschreiben. Und doch hat er den ganzen Saal für sich eingenommen. Er scheint überall zu sein. Es ist gespenstisch.
(Trotzdem ist es ein schönes Konzert. Aber fordernd. Ein bisschen wie Joggen auf schwierigem Gelände weil Märchenwald. Oder Zugfahren auf unbequemen Sitzen, aber mit endlosen Wiesen vor dem Fenster. Wenn dem Jungen nur nichts passiert, denkt man. So hoch hinaufgestiegen. So tief könnte er fallen.)
Nach einer Stunde sagt er Good Night und verschwindet. Das ist gut für mich, denn meine Gläser sind leer. Ich habe Benjamin Clementine gar nicht gesehen. Aber das macht nichts. Man muss ihn nicht sehen. Nur fühlen.
(Bilder: Twitter, privat)
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