Meisterinnenwerke

Patti Smith und PJ Harvey in Montreux: Das waren eine Predigt und eine Theaterinszenierung an einem Abend. Einmal fürs Herz, einmal für den Kopf, einmal warm, einmal kühl, zweimal gross.

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Dabei hatte ich zuerst etwas Angst, weil ich von Patti Smith nur “Because The Night” und das schöne Buch “Just Kids”  kenne (jaja, Banausin) und dachte, das wird bestimmt ein wenig anstrengend. Und sie fing dann ausgerechnet mit der Rezitation eines Allen-Ginsbergs-Gedicht an (“Holy”), und ich so: Das kann ja sperrig werden. Aber dann schrammte die Band “Dancing Barefoot” an, und den kennt man ja auch!, und der Ton für das Konzert war gesetzt: Diese Frau war hier genau am richtigen Ort. Das Publikum hüpfte und klatschte und tanzte und freute sich. Es war ein einziger, warmer, schöner, gottloser Gottesdienst mit Patti Smith als talentierter Predigerin, die mal den Toten gedachte, mal für das Volk die Faust in die Luft reckte (“People Have The Power”), mal Prince coverte, mal ein Lied ihrem Enkel widmete (ihr Sohn spielt mit ihr in der Band. Wie das wohl sein muss? Mit Mutti in einer Band spielen?). Alles sehr familiär und positiv und touchy-feely. Es wäre vermutlich ein Leichtes, sich über diese alternde Punk-Dame, diesen Gutmenschen ein wenig lustig zu machen, aber irgendwie geht das bei Patti Smith nicht so gut, weil sie das alles wirklich mit jeder Faser zu verkörpern scheint. Die meint das wirklich so. Und das ist ja auch einmal wohltuend: So komplett ironiefreier Idealismus. Dass die Frau noch flucht und spuckt wie ein Pirat, machts irgendwie noch besser. Amen.

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Und dann: Einmarsch der Band mit düsterer Elfe und drei Saxofonen. Ich schon wieder Angst, weil ich keine Saxofone mag, aber irgendwie kommt ihr dieses sperrige Instrument noch gut. Polly Jean Harvey, dieses alterslose Wesen von einem anderen Planeten, führte mit ihrer grossen Band eine musikalische Sozialreportage auf, das war alles sehr wichtig und wirklich gut, aber auf kühler, intellektueller Ebene. Kaum ein Wort zwischen den Liedern. Ästhetisch perfekt die Inszenierung mit schwarzen Federn und Lederrock und Anzügen. Über den treibenden Rhythmen und dramatischen Melodien schwebt die glockenhelle Mädchenstimme. Im Gegensatz zum wohlig-warmen Patti-Smith-Auftritt fühlte sich das Konzert auf gute Weise schwer und eindrücklich an, diese federleichte Frau legt ein immenses Gewicht in ihre Kunst, und der Chor der tiefen Männerstimmen lastet noch immer schwer auf meiner Seele. These, these, these are the words. The words that maketh murder. Meisterinnenwerke.

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