
Für das folgende Protokoll eines Gesprächs mit Death by Chocolate-Sänger Mathias Schenk wären 400 Stutz rausgesprungen. Hätte ich nicht das Konzept der Rubrik, in der es hätte erscheinen sollen, total falsch verstanden. Mit dem Argument, dass der Inhalt spektakulärer, dramatischer, einschneidender sein müsste, um die Leserschaft des renommierten Printmediums anzusprechen, wurde mir der Text zurückgespielt. Und ich finde es eben ehrlich gesagt ziemlich lustig, wenn ich mir vorstelle, wie Mäthu es diesmal schon wieder nicht schaffte, nach der Narkosespritze auf zehn zu zählen. Deshalb hier seine Erinnerung an den Tag X:
“Ich hasse es, früh raus zu müssen, bin einfach kein Frühaufsteher. Wenn ich mittwochs arbeite, stelle ich den Wecker um 6.15 Uhr, schaffe es aber erst eine Stunde später aus dem Bett. Das ist dann jeweils auch gleich die schlimmste Stunde des Tages. Doch obwohl ich im Abstand von 10 Minuten Höllenqualen leide, kann ich nicht auf die Snooze-Funktion verzichten. Um halb acht muss dann ich wohl oder übel los, um pünktlich zur ersten Stunde im Klassenzimmer zu stehen. Für Kaffee reichts zu Hause nie. Wenn ich aber mit dem Velo hinfahre, kann ich im Lehrerzimmer einen trinken. An diesem speziellen Mittwoch gibts gar keinen Kaffee. Seit gestern weiss ich, dass ich in aller Herrgottsfrühe, um 6 Uhr, in der Klinik Linde sein muss, nüchtern, wie man so schön sagt. Obwohl es hauptsächlich bergauf geht und eine Weile dauert, laufe ich den Weg dahin. Ich will ihn bewusst geniessen, weil ich nach der Operation eine Weile nicht mehr so easy zu Fuss zu sein werde. Nach dem Empfang bekomme ich in einem mit Vorhängen abgetrennten Raum dieses berühmte Spitalhemd. Ohne genaue Instruktion, ich weiss nicht, muss ich das jetzt schon anziehen oder steh ich dann blöd da, wenn ich es tue? Ich weiss zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht einmal, ob ich eine Vollnarkose bekommen werde oder nur eine Spinalanästhesie. Ich entschliesse mich, das Hemd anzuziehen. Eine Schwester kommt und stellt mir Fragen. Wie viel ich wiege und so. Vorhin habe ich mitbekommen, wie sie eine Frau auf der anderen Seite des Vorhangs dasselbe fragte. Beim Kontrollwiegen stellte sich heraus, dass diese sich um acht Kilogramm leichter schätzte als sie tatsächlich ist. Sie war niedergeschlagen, das hörte ich ihrer Stimme an. Ich sage: 82 Kilogramm, und zur Sicherheit: schwankt immer ein bisschen. Die Schwester will wissen, ob ich Sportler sei. Allerdings wegen meines tiefen Pulses, nicht wegen des Gewichts. Nachdem ich mich ins Bett gelegt habe, fragt sie mich, wie ich heisse und welches Bein denn heute operiert werden müsse. Bestimmt will sie sichergehen, dass sie den richtigen Patienten vor sich hat. Ich markiere das linke Bein mit einem Edding und erzähle ihr, dass ich im Zuge des Meniskus-Eingriffs auch gleich die Metallplatte aus dem Fuss entfernen lasse. Die wurde mir nach einer früheren Verletzung eingepflanzt und ich habe mit ihr einen ganzen Festivalsommer durchgespielt. Im Narkosezimmer empfiehlt mir der Anästhesist eine Vollnarkose. Eine leichte, damit ich schnell wieder aufwache. Immer, wenn ich eine Narkose gespritzt bekomme, versuche ich, so lange wie möglich wach zu bleiben. Aber ich schaffe es auch diesmal nicht, bis auf zehn zu zählen. Das erste, was ich nach der Operation mitbekomme, ist ein High five mit dem Arzt. Dann nicke ich wieder weg. Im Aufwachzimmer wird mir bewusst, dass ich offenbar schon länger mit einer Schwester über das Gitarrespielen gesprochen habe – zumindest habe ich ihr schon einen Gitarrelehrer empfohlen. Mein Puls ist immer noch sehr tief, zirka 40. Erneut die Frage, ob ich Sportler sei. Das find ich irgendwie cool. Auf meiner Anrufliste seh ich später, dass ich in der Aufwachphase mit meinem Bruder telefoniert habe. Keine Ahnung, worüber wir gesprochen haben. Ich nehme an, er wollte wissen, wies gelaufen ist.”
Und hier um Gottes Willen noch ein mind-blowing Fact: Death by Chocolate gehen in zwei Wochen ins ICP Studio in Brüssel. Da nehmen sie mit Vance Powell aus Nashville ihr neues Album auf. Don’t bust up the flow, if things are happening, just hit record and just let it go … just let it go…
(Bild: Ein Geschenk)
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