Der Stylegott aus Limerick

lynchyMeer. Grüne Wiesen. Klippen. Torffeuer. Hunderennen. Richtige Männer. Sportarten für richtige Männer. Hurling. Gaelic Football. Pubs. Überall Pubs.

Hügelige Strässchen durchs Nichts. Schlösser. Ortschaften mit Namen wie Balladen. Schafe. Die nettesten Menschen, die es gibt. Das beste Bier. Die lustigsten Fussballfans. Und Menschen, die glauben, dass es Elfen gibt und das auch plausibel darlegen können.

Ach, Irland. Du kannst alles.

Und jetzt kannst du auch noch: Rap.

Der aufrichtige Dank dafür geht an ein Milchgesicht aus der Ortschaft Ballyneety in der Grafschaft Limerick im Südwesten der Republik.

Die Geschichte von Jack Lynch beginnt im Herbst 2014 an einer Bushaltestelle an der O’Connell Avenue in der Stadt Limerick, wo der damals 17-Jährige das St Clement’s College besucht. Jack Lynch sitzt auf einer Bank, trägt Schuluniform, hat eine selbstgedrehte Zigarette (oder etwas in der Art) in der Hand. Er rappt, auf den Beat des UK-Garage-House-Hits „Wish you were Mine“ von Philip George. Ein Freund filmt ihn mit dem Handy. In Hochformat, für Snapchat. Das Video geht viral. Auf Youtube wird es bis heute über 1,5 Millionen Mal angeschaut.

Woran liegt das? MC Lynchy, wie sich Jack Lynch als Rapper nennt, erzählt nicht besonders intelligente Dinge. In seinen Reimen geht es um Drogen, um den Gebrauch von Schusswaffen und um Sex. Gangstersachen. Und Lynch seiht nicht einmal aus wie ein Gangster.

Jack Lynch hat aber einen Flow, der so eigentlich nicht geht. Er ist furchteinflössend schnell, er ist auf dem Punkt,  er hat diesen wunderbaren irischen Strassenslang, es klingt eintönig und ist das Gegenteil davon. Man glaubt ihm jedes Wort, selbst, wenn man es nicht versteht. Man hört ihm zu, und man will ihm immer noch länger zuhören. Lynch weiss das. Er lädt weitere Filme hoch. Meistens sitzt er im Auto und rappt auf Instrumentals, die sein Freund und Manager Johnny Carey im Autoradio abspielt. Etwa so:

Bald wird MC Lynchy für Auftritte gebucht, er spielt live, oft an den in Irland weit verbreiteten „Teenage Discos“ für Minderjährige. Dann auch in Nordirland, in England, in Holland sogar. In Breda sei er am Flughafen von Fans bestürmt worden, berichtet die Zeitung „Limerick Leader“. Jack Lynch ist ein Social-Media-Star geworden. Weil er ein eigenwilliger, einnehmender Rapper ist. Jack Lynch ist der irische Stylegott.

Dann  kommt es, wie es meistens kommt, wenn jemand sehr viele Klicks in sozialen Medien generiert. Eine der grössten Plattenfirmen der Welt ruft an. Jack Lynch, mittlerweile 19-jährig, bekommt einen Vertrag bei Universal. Er streicht das „MC“ aus seinen Namen. Vielleicht sagt auch die Plattenfirma, er solle es streichen. Zum  Song „Spotlight“, den er mit dem Sänger Rainy Boy Sleep aufnimmt, passt „MC“ auch nicht mehr so richtig. Lynchys Reime in „Spotlight“  haben etwa so viel mit dem rauen Sprechgesang zu tun, mit dem vor zwei Jahren ein Milchgesicht von der Bushaltestelle aus ein Land eroberte wie Irland mit der Teilnahme an einem EM-Finale.

Der Song schiesst in Irland in die Top Ten der Charts. Lynchy ist jetzt ein Star. Niemand weiss, wie lange er es bleiben wird.

Ein Stylegott ist er auf ewig.

 

GUESTLIST: Fabian Sommer ist Journalist bei der BZ, irisch verbandelt und Rap-Fan.

 

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