Es ist okay, Céline Dion darf man mögen

Letzhin erzählte mir Mario Batkovic, er kenne David Guetta gegen seinen Willen. Er habe sich nie dafür entschieden, zu wissen, wer der Franzose sei, es nie gewünscht, und trotzdem kenne er ihn jetzt eben, weil dieser huere DJ einfach überall laufe: im Coop, in der Migros, in da Parkhouse, bei den Frauenparkplätzen besonders laut.

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Mir geht es ganz ähnlich mit Céline Dion. Es wäre mir eigentlich lieber, ich hätte nie etwas von dieser Sängerin gehört. Dann wäre mir anstatt “My Heart will Go On“, “Immortality” oder (Achtung: Skandalvideo!) “I’m Your Angel” in den 90ern vielleicht was Sexieres nachgelaufen. Und ich hätte nicht dermassen mitleiden müssen, als die Sängerin Anfang Jahr ihren Mann an Krebs verlor. Und ihren Bruder, was mir wirklich schrecklich leid tat. Und jetzt hab ich, total unfreiwillig, auch noch erfahren, dass am Freitag ihr neues Album erschienen ist. “Encore un soir”, durch nichts zu unterscheiden von all den anderen Abendliedern, die Dion in den letzten, was, 50 Jahren veröffentlicht hat.

(Nur kurz: Bei Britney Spears verhält es sich ein bisschen anders. Die kenne ich eigentlich ganz gerne. Ihre privaten Geschichten sind seit Jahren gute Unterhaltung und “Toxic” oder “Womanizer”, ich kann mir nicht helfen, fahren mir ganz schön in den Body. Aber ich spüre die Frau hinter dem Beat nicht, deshalb kann ich auch nicht über ihr neues Album schreiben, das ebenfalls am Freitag erschienen ist. Jedenfalls nicht so fundiert wie Julian Dörr von der Süddeutschen Zeitung, der in der “Glory“-Kritik meint: “Wenn Britney Spears singt, klingt das […] etwa so: ‘Feel it noorrghw, feeerrghling somethiirrghng, kinda thiirrghnking out loourrghd’.”)

Deshalb zurück zu Céline Dion, die mir grundsympathisch ist, seit ich sie vor vielen Jahren live gesehen habe. Und erst kürzlich in einem Dokumentarfilm, an dessen Titel ich mich natürlich mal wieder nicht erinnere. Diese Frau ist witzig, selbstironisch, sie hat ein grosses Herz, und eine ebensolche Stimme – und trotzdem kann ich ihr neues Album nicht empfehlen. Es sei denn, es sei jemandem egal, Geld für 15 Mal dasselbe französische Vibrachanson auszugeben.

Was ich an dieser Stelle aber unbedingt ans Herz legen will, ist das schon etwas ältere, gescheite Büechli “Let’s Talk About Love: A Journey to the End of Taste” des kanadischen Musikkritikers Carl Wilson. Mit grösster Sorgfalt geht er darin der Frage nach, warum Céline Dion so unfassbar erfolgreich geworden ist, obwohl der gemeine Musikjournalist schreiben würde: mit nichts als schmaltz. Er fragt sich, ob Millionen Menschen tatsächlich irren, wenn wie sagen, Céline Dion sei ein Superstar. Seiner Untersuchung, muss man wissen, liegt ein tiefer Groll zu Grunde, ein endloses Unverständnis darüber, wie Céline Dion an den Oscars 1998 den unvergesslichen Elliott Smith (“Miss Misery”) mit einer Nummer wie “My Heart will Go On” ausstechen konnte. Schön ist, Wilson ist sich für eine Versöhnung nicht zu schade. Anstatt sich vom hohen Ross über die Diva lustig zu machen, setzt er sich eingehend mit ihrer Musik auseinander. An einer ihrer Las Vegas-Shows geht er die positive Wirkung, die sie auf gewisse Menschen hat, extra hautnah erleben. Um sich danach mit gutem Gewissen eingestehen zu können: Die Frau hat ihren Erfolg schon irgendwie verdient und Céline-Dion-Fans sind auch Menschen. Ich denke, es ging ihm da ein bisschen ähnlich wie mir am Hansi-Hinterseer-Konzert.

IMG_20160829_020013Die Lektüre lohnt sich, ist auch ein lustiges Geschenk (James Franco findet: mindestens ebenso gut wie TV). Und ziemlich sicher lernt man damit auch, David Guetta sein Kaufhauspublikum zu gönnen.

 

CELINE DION: “Encore un soir”, out (Columbia)
BRITNEY SPEARS: “Glory”, out (SMI/RCA Records Label)

(Bilder: Facebook/privat)

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