Blutleer

Was tu ich mich schwer mit dieser Albumkritik. Vor mehr als einer Woche flatterte die allerneuste Scheibe “Gore” der Deftones im wahrsten Sinne des Wortes ins Haus. Fliegende Flamingos zieren das Cover, es ist hauptsächlich Pink und Lila und nein, es ist trotzdem kein Album für schwache Mädchen. Nun, seit der Pöschteler da war, tigere ich um dieses – durchaus ansehliche – Album. Höre immer wieder mal rein und, obwohl ich mich zuerst derart darüber gefreut habe, es ist ein heikler Knochenjob.

 

Die gute Nachricht zuerst: Es ist ein Deftones-Album. Die schlechte Nachricht: Es ist just another Deftones-Album. Es sind gute Lieder, elf an der Zahl, Sänger Chino Moreno jammert und leidet wie eh und je zur wummernden Rhythmusabteilung der alternativen Metalband. Aber es wirkt alles so formelhaft, als hätte man für Deftones-Songs eine Schablone gebastelt und alle aufkeimenden und aufregenden Einflüsse durch eben diese Form gepresst. Sie wirken blutleer, dieser Drive, diese energiegeladenen Songs der ersten drei Alben in den 90ern fehlen, kein “7 Words”, “Passenger” oder “My own Summer”. Am ehesten auf dem mittlerweile achten Studioalbum gefällt mir der Titel gebende Song “Gore” (was so viel heissen soll wie “geronnenes Blut”).

Vielleicht liegt es an den künstlerischen Differenzen zwischen Chino Moreno und Leadgitarrist Stephen Carpenter, vielleicht verpulvern sie ihre kreative Energie in ihren anderen Projekten (Moreno bei den Elektrorockern Crosses, Carpenter beim Elektroprojekt Sol Invicto). Oder sie sind schlicht zu arg gebeutelt von den vergangenen Schicksalsjahren. Ihr ehemaliger Bassist Chi Cheng lag nach einem schweren Verkehrsunfall jahrelang im Koma, erlangte teilweise wieder das Bewusstsein, verstarb dann aber dennoch überraschend 2013 an einem Herzinfarkt. Auch waren Deftones letzten November in der Nacht der Terroranschläge in Paris, sie hätten einen Abend nach den Eagles of Death Metal im Bataclan spielen sollen. Einige Band- und Crewmitglieder waren an der Show der EODM, verliessen aber das Konzert kurz vor den Anschlägen.

Es fühlt sich so falsch an, diese Kult-Band aus Kalifornien nicht mit Lobeshymnen zu überhäufen. Es blutet mir gar das Herz, während ich mir nun das Album erneut anhöre. Ich hoffe so sehr, dass sie am Greenfield auch ihre alten Songs auspacken. Vielleicht finde ich bis dahin auch meinen Frieden mit dem neuen Album.

 

DEFTONES: “GORE“, out now (Warner Bros. Records)
Konzert: 08.06. Greenfield Open Air (Red Hot Chili Peppers, Deftones, Juliette and the Licks, Skindred)

(Bild: privat)

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