Die Sonne geht, Jarre kommt

Der Eurosat im Europapark. Das ist diese silberne Kugel, die einen schon blendet, wenn man noch auf der Autobahn Richtung Rust unterwegs ist. Im Innern schrauben sich Wägelchen mit bleichen Teenagern drin langsam in die Höhe, an den Wänden schimmern Sterne, ab und zu durchfährt ein Laserstrahl die stickige Luft, Space-Shuttle-Deko nach jeder Kurve, aus den Lautsprechern tönt diese zischende Weltraummusik. Dann der Countdown, und die bleichen Teenager sausen im Höllentempo wieder nach unten. Im Auditorium Stravinski habe ich mich vor wenigen Tagen vielleicht ähnlich gefühlt. Draussen am Lac Léman genoss tout Montreux den letzten schwülen Abend vor der Sommerpause, der grosse Regen war schon in den Startlöchern. Im Konzertsaal aber herrschte disziplinierte Kälte, ja Coolness, als Monsieur Jean-Michel Jarre mit Sonnenbrille hinter seiner ganzen Hightech-Maschinerie und den beweglichen Riesenscreens auftauchte.

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Irritierendes Blau, puffige Rottöne umgeben diesen Papst der Elektroszene, den Franzosen, der vor über 40 Jahren dieses Genre revolutionierte und zum Meister der Superlative wurde: Monströse Massen zogen sich in den 90ern seine Sound- und Lichtshows rund um diesen Planeten rein, zwei bis drei Millionen Menschen waren es an Konzerten in Paris oder Tokyo. In Montreux war der Rahmen natürlich bescheidener – und es hätte mich nicht überrascht, hätten im Publikum vorwiegend Informatiker und Gamer Jarres Comeback gefeiert. Der 67-jährige Avantgardist arbeitete sich an diesem Abend wie in einem Computerspiel von Level zu Level, von einfach bis anspruchsvoll, nach jedem Erfolg erhält er ein Werkzeug mehr für die weitere Reise: Keyboard. Computer. Gitarre. Laserstrahlen. Irgendwann erscheint Edward Snowden auf den Screens und warnt vor der heutigen Technologie, dazu schleudert Jarre harte Beats und Bits und Big Data und Symbole ins Publikum, die zur heutigen abgefuckten Digital-Nerd-Gesellschaft passen und dieses Gesamtbild aus Snowden und Techno und grellem Licht führt einem eindrücklich vor Augen, wo wir uns gerade befinden. Und wohin der Wahnsinn uns vielleicht noch treibt.

Ich gebe zu, ich habe von Jean-Michel Jarre vorher nicht viel mehr gekannt als die grossen Hits wie “Oxygene 4” oder “Equinoxe 4”. Vielleicht deshalb empfand ich diese Technoparty, wie sie da im Stravinski mitten in diesem bunt gemischten und klatschenden Publikum entstand, ziemlich rasch als nicht so meins. Ich weiss um Jarres Intelligenz, sein Können, sein jüngstes gigantisches Projekt “Electronica”, für welches er mit Grössen wie Moby, Air oder Laurie Anderson zusammenspannte. Ich weiss, er ist ein Meister seines Fachs und seine musikalische Leistung sollte nicht verhöhnt werden. Doch der “magische Musiker”, wie er auch schon genannt wurde, konnte mich nicht richtig verzaubern. Mitten im Geschehen konnte ich mich nicht mit seiner Kunst identifizieren – was einst Zukunft war, schien mir plötzlich pure Vergangenheit zu sein. Nicht mal tanzen klappte. Ich war die unnütze Nebenfigur im Computerspiel, war der bleiche Teenager im Eurosat, der schnell irgendwie raus wollte.

Ich zählte still den Countdown 10, 9, 8, 7 … und verliess den Saal noch vor Konzertschluss. Schliesslich bin ich nicht in einem Game, sondern im echten Leben. Und da weiss man ja nie, wie etwas endet.

 

 

(Fotos: privat)

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